Woche 1: Zwischen Altonaer Altbau-Staub und der Hoffnung auf ein schmerzfreies Kreuz

Es ist dieser spezifische Sonntagabend-Blick aus dem Fenster meiner Küche in Altona-Altstadt: Die Kräne im Hafen wirken wie unbewegliche Skelette im fahlen Licht, und mein unterer Rücken brennt so sehr, dass ich mich kaum traue, tief einzuatmen. Das Samstagsgeschäft in der Buchhandlung war lang, die Stapel mit den Neuerscheinungen schwerer als sonst. Blasius, mein schwarzer Kater, starrt mich mit dieser unbestechlichen Ruhe an, während ich am Küchentisch sitze und zögerlich auf „Kaufen“ klicke.

Hinweis: In meinen Notizen hier im Heft tauchen hin und wieder Affiliate-Links auf. Wenn du über einen dieser Links einen Kurs buchst, bekomme ich eine Provision — dein Preis bleibt natürlich gleich. Ich schreibe hier nur über Dinge, die ich wirklich selbst gekauft und in meiner kleinen Ecke zwischen Bücherregal und Tisch ausprobiert habe. Meine ausführliche Offenlegung findest du unten verlinkt.

Die Skepsis einer abgebrochenen Germanistin

Ich bin Buchhändlerin. Ich habe gelernt, Texte auf ihre Aufrichtigkeit zu prüfen, und ich weiß genau, wann ein Klappentext zu viel verspricht. Seit 2022 zieht es in meinem Kreuz, mal mehr, mal weniger, und keine Physiotherapie der Welt schien den Code knacken zu können. Dass nun ausgerechnet ein Online-Kurs namens Wirbelsäulentherapie für rund 208 Dollar die Lösung sein soll, fühlt sich für meinen Kopf fast ein bisschen beleidigend an. Aber mein Körper hat die Diskussion längst gewonnen.

Bevor ich die Matte überhaupt ausrollen konnte, musste ich erst einmal Platz schaffen. In einer Altonaer Wohnung ist Platz ein knappes Gut. Die Matte klemmt jetzt schief zwischen dem Küchentisch und dem Regal mit den Klassikern. Das erste Mal Barfußlaufen auf dem Linoleum war ernüchternd. Das kalte Gefühl des Linoleumbodens an meinen Fersen, bevor die Matte endlich ausrollt und nach neuem Gummi riecht, war der erste echte Kontakt mit meinem neuen Vorhaben.

Montag: 10 Minuten gegen den inneren Widerstand

Der Wecker klingelte am Montag um 07:00 Uhr. Bevor ich in die Große Elbstraße fahre, wollte ich die ersten Videos sehen. Modul 1 der Therapie dauert insgesamt etwa 45 Minuten, wenn man die Einführungen und das erste Ausprobieren zusammennimmt. Mein Kopf wollte eigentlich nur Kaffee und die Nachrichten lesen, aber ich habe mir selbst ein Versprechen gegeben: Wenn ich Menschen dazu bringe, 800-Seiten-Wälzer zu kaufen, werde ich es ja wohl schaffen, mir selbst 10 Minuten Bewegung zu „verkaufen“.

Ich startete mit den ersten Grundlagen. Es geht viel um die Lendenwirbelsäule, genau dort, wo mein Schmerz wohnt. Es ist kein schweißtreibendes Workout, eher ein vorsichtiges Herantasten an die eigene Statik. Ein winziger, fast unsichtbarer Dialog zwischen Hirn und Muskeln.

Ein kleiner Unfall mit Hanser-Taschenbüchern

Dass es nicht immer so elegant aussieht wie in den Videos, wurde mir am Dienstagmorgen schmerzhaft bewusst. Ich versuche eine Beckenkippung — eigentlich eine ganz kleine, feine Bewegung — und verliere kurz das Gleichgewicht. Dabei reiße ich mit dem Fuß einen Stapel Hanser-Taschenbücher vom Hocker, die ich eigentlich noch einsortieren wollte. Blasius flüchtet erschrocken unters Sofa und beobachtet mein klägliches Scheitern aus sicherer Entfernung. Es war ein Moment der totalen Lächerlichkeit, aber irgendwie auch ehrlich. Heilung ist kein linearer Prozess, sie ist oft eher ein Stolpern über die eigenen Altlasten.

Der Alltag im Laden und die 36 Stunden

In der Buchhandlung stehe ich vier Tage die Woche jeweils neun Stunden an der Theke, auf der Leiter oder an der Auslage. Das sind 36 Stunden reine Stehzeit pro Woche. Oft beobachte ich dabei unsere Kunden. Besonders die jungen Mütter, die mit Kinderwagen durch die engen Gänge manövrieren und dabei Kleinkinder auf dem Arm balancieren, tun mir leid. Ich sehe in ihren Gesichtern den gleichen Schmerz, den ich im Rücken trage.

Oft denken wir, dass wir für solche Therapien Ruhepausen und feste, heilige Übungszeiten brauchen. Aber wer Kinder hat oder einen Neun-Stunden-Tag im Stehen, für den ist „Ruhe“ ein Fremdwort. Genau hier setzt mein Skeptizismus an: Kann man so etwas in ein Leben integrieren, das keine festen Strukturen erlaubt? In dieser ersten Woche habe ich gemerkt, dass die kurzen 10-Minuten-Einheiten — ich kam auf insgesamt 40 Minuten wöchentliche Netto-Übungszeit — genau die richtige Dosis sind, um nicht sofort wieder aufzugeben.

Ein seltsames Erwachen am Mittwochabend

Der Wendepunkt kam am Mittwochabend an der Kasse. Es war kurz vor Ladenschluss, draußen nieselte es, und ich hatte gerade einen Kunden bedient, der nach einer Erstausgabe suchte. Plötzlich merkte ich an der Kasse, dass ich nicht wie sonst das Gewicht ständig von einem Bein aufs andere verlagere. Es war ein winziger Moment der Stabilität, als hätte jemand in meinem Fundament eine Schraube nachgezogen.

Später am Abend, zurück in Altona, spürte ich es dann: Ein seltsames, punktuelles Kribbeln genau links neben dem Steißbein nach der zweiten Übungseinheit – wie ein eingeschlafener Fuß, der aufwacht. Es war kein Schmerz, sondern eher ein Signal. Als würde ein Bereich meines Körpers, den ich jahrelang ignoriert habe, vorsichtig „Hallo“ sagen.

Sonntagabend: Das Leinen-Heft wird gefüllt

Jetzt sitze ich hier, das erste Mal schlage ich dieses graue Leinen-Heft auf. Woche 1 ist vorbei. Es gibt keine Wunderheilung, keine plötzliche Schwerelosigkeit. Aber ich habe zum ersten Mal seit zwei Jahren das Gefühl, nicht mehr nur Passagierin meines Schmerzes zu sein, sondern wieder am Steuer zu sitzen.

Ich habe mir vorgenommen, am Ball zu bleiben. Die nächsten Module warten schon, und auch wenn ich manche Übungen noch nicht ganz verstehe oder Blasius weiterhin meine Matte als Kratzbaum missbraucht, mache ich weiter. Falls du selbst gerade überlegst, ob dein Rücken noch eine Chance verdient hat: Ich habe mit der Wirbelsäulentherapie angefangen, weil ich keine Lust mehr hatte, mich wie ein altes, schlecht gebundenes Buch zu fühlen, das bei der kleinsten Belastung aus dem Leim geht.

Nächste Woche erzähle ich dir, ob das Kribbeln geblieben ist und wie ich versuche, die Übungen zwischen dem Wasserkocher und der nächsten Buchlieferung unterzubringen.