
Sonntagabend in Altona: Wenn der Rücken die Woche nacherzählt
Es ist Sonntagabend, der 19. April 2026. Draußen vor meinem Fenster in Altona mischt sich das Grau des Regens mit dem fahlen Licht der Elbe-Kräne in der Ferne. Der Wasserkocher pfeift in der Küche, ein vertrautes, fast tröstliches Geräusch. Ich sitze an meinem Holztisch, das leinengebundene Heft vor mir aufgeschlagen. Blasius, mein schwarzer Kater, hat es sich bereits auf der Matte bequem gemacht, die zusammengerollt zwischen dem Küchenregal und dem Tisch lehnt. Er scheint zu wissen, dass jetzt die Zeit ist, in der ich versuche, die vergangenen Tage in Worte zu fassen – und in Wirbel.
Diese Woche war intensiv. Wer den Buchhandel kennt, weiß, dass „stehen“ eigentlich eine Untertreibung ist. Wir stehen nicht nur, wir balancieren, wir beugen uns über Kisten, wir recken uns nach dem obersten Fach der Lyrik-Abteilung. Seit etwa vier Jahren schleppe ich diesen ziehenden Schmerz im unteren Rücken mit mir herum. Angefangen hat es 2022, und seitdem war er mein ständiger, ungebetener Begleiter. 36 Stunden pro Woche verbringe ich auf den Beinen – neun Stunden pro Schicht, vier Tage die Woche. Das hinterlässt Spuren, die man nicht einfach mit einem Feierabendbier wegspülen kann.
Lange dachte ich, ich müsste mich einfach mehr dehnen. Ich habe diese typischen Übungen gemacht, die man überall liest: statisch halten, ziehen, warten. Aber in der Buchhandlung, zwischen den schweren Bildbänden und den Stapeln im Lager, merkte ich oft, dass das alles nur noch schlimmer machte. Wenn ich mich nach einem langen Tag abends noch einmal statisch in eine Dehnung zwang, fühlte sich die Muskulatur danach nicht etwa befreiter, sondern einfach nur noch müder an. Es war, als würde ich ein bereits ausgeleiertes Gummiband noch weiter in die Länge ziehen.
Der Dienstag zwischen den Bildbänden
Diesen Dienstag, gegen 16 Uhr, kam der Moment der Wahrheit. Ich war gerade dabei, eine Lieferung schwerer Kunstbücher in die Auslage der Großen Elbstraße zu räumen. Das vertraute Brennen im Lendenwirbelbereich setzte ein. Früher wäre das der Punkt gewesen, an dem ich mich innerlich auf die restlichen drei Stunden der Schicht wie auf eine Bergbesteigung vorbereitet hätte. Mein Rücken fühlte sich an wie eine verriegelte Tür.
Dabei ist das Problem beim langen Stehen oft gar nicht der Mangel an Beweglichkeit, sondern die fehlende dynamische Stabilität. Statische Dehnübungen verschlimmern Rückenschmerzen im Verkauf oft, weil sie die bereits überlastete Muskulatur zusätzlich ermüden, anstatt die benötigte Kraft durch kurze Aktivierungspausen aufzubauen. Wenn man neun Stunden steht, sind die Muskeln im Dauerstress. Sie brauchen keinen weiteren Zug, sie brauchen einen Impuls, der ihnen sagt: „Du darfst dich kurz anders organisieren.“
Ich habe in den letzten Monaten gelernt, dass es nicht um die große Geste geht. Es sind die zehn Minuten am Morgen – oder manchmal auch gar keine, wenn Blasius meint, die Matte gehöre ihm allein –, die den Unterschied machen. In meinem Heft habe ich ausgerechnet, dass ich bei fünf Tagen Übung pro Woche auf etwa 200 Minuten Trainingszeit im Monat komme. Das klingt nach wenig im Vergleich zu den 36 Stunden Stehen pro Woche, aber diese 200 Minuten sind mein Anker.
Die kleine Rettung hinter dem Tresen
Ein Wendepunkt war der gestrige Samstag. Es war viel los, drei große Schiffe im Hafen, die Stadt war voll, und die Buchhandlung auch. Eine Kundin suchte, wie jeden Donnerstag (diesmal eben am Samstag), nach einem ganz bestimmten Doppelgänger-Roman, von dem sie weder Titel noch Autor wusste. Während ich mit ihr sprach und wir gemeinsam die Regalkarten durchgingen, ertappte ich mich dabei, wie ich ganz unauffällig das Becken kippte – eine der Übungen aus der Wirbelsäulentherapie, die ich mittlerweile fast reflexartig mache.
Es ist kein Dehnen, es ist eine Aktivierung. Ein kurzes Spiel mit dem Psoas, jenem tiefsitzenden Muskel, der so entscheidend für unsere Aufrichtung ist. Anstatt steif zu bleiben, suchte ich die Bewegung im Stehen. Und zum ersten Mal seit Langem passierte es nicht: Das „Zuknallen“ im unteren Rücken blieb aus. Als die Kundin den Laden verließ (wir haben das Buch übrigens gefunden, es war ein alter Titel vom Hanser-Verlag), merkte ich, dass ich immer noch aufrecht stand, ohne diesen metallischen Geschmack von Schmerz im Hinterkopf.
Abends, wenn ich dann doch die Matte ausrolle – die zwischen Küchentisch und Regal liegt –, genieße ich diesen einen Moment besonders: Der kühle, leicht staubige Geruch der Dielen schlägt mir entgegen, wenn ich mich flach hinlege. Blasius schnurrt genau zehn Zentimeter von meinem Ohr entfernt, ein tiefes Vibrato, das fast wie eine eigene Therapie wirkt. Ich mache meine drei Wiederholungen, ganz langsam, und dann kommt dieses spezifische, tiefe Seufzen meiner Wirbelsäule, wenn der Druck im Bereich L4/L5 endlich nachgibt. Es ist kein Knacken, es ist ein Loslassen.
Ehrlichkeit im Leinenheft
In meinem Sonntagstagebuch bin ich ehrlich. Es gab Wochen, da habe ich die Matte nicht einmal angeschaut. Da war der Rücken so laut, dass ich vor lauter Erschöpfung nur noch ins Bett gefallen bin. Aber ich lerne, dass die Wirbelsäulentherapie keine Wunderheilung ist, die man einmal kauft und dann „besitzt“. Es ist eher wie das Sortieren eines gut geführten Lagers: Man muss dranbleiben, immer mal wieder die Stapel geraderücken, damit nichts instabil wird.
Früher habe ich oft gedacht, ich müsste meinen Körper „reparieren“. Heute sehe ich das anders. Wenn ich morgens zehn Minuten investiere, geht es nicht darum, perfekt zu sein. Es geht darum, meinem Rücken zu zeigen, dass es Alternativen zum starren Stehen gibt. Es ist fast wie bei einem guten Roman mit einer älteren Erzählerin – man braucht Geduld, um die feinen Nuancen der Geschichte zu verstehen. Mein Rücken erzählt seine eigene Geschichte, und ich lerne langsam, die Zwischentöne zu lesen.
Wer wie ich im Verkauf arbeitet, kennt den Drang, sich in der Mittagspause einfach nur hinzusetzen. Aber oft ist es genau das, was uns danach noch steifer macht. Ich versuche stattdessen, kleine Impulse zu setzen. Ein kurzes Verlagern des Gewichts, ein bewusstes Ansteuern der Körpermitte, während ich die Waagenwippe der Auslage neu bestücke. Es sind diese Nebenschauplätze, die den Tag retten.
Falls du gerade erst anfängst, dich mit deinem Kreuz auseinanderzusetzen, kann ich dir nur raten: Sei geduldig mit dir. Ich erinnere mich noch gut an meine eigene Skepsis in der ersten Zeit, als ich mich fragte, ob das alles überhaupt etwas bringt. In meinem Bericht über Woche 1: Zwischen Altonaer Altbau-Staub und der Hoffnung auf ein schmerzfreies Kreuz habe ich diese ersten, unsicheren Schritte festgehalten. Es ist ein Weg, kein Sprint.
Jetzt schlage ich mein Heft wieder zu. Der Tee ist getrunken, Blasius schläft tief und fest auf meiner Übungsmatte. Vielleicht schiebe ich ihn gleich vorsichtig zur Seite und mache noch eine letzte Runde, bevor die neue Woche in der Buchhandlung beginnt. Neun Stunden morgen, neun Stunden übermorgen. Aber mein Rücken und ich, wir haben jetzt eine Verabredung. Und die findet nicht mehr nur in der Schmerztablette statt, sondern hier, auf den kühlen Dielen von Altona.