
Sonntagabend in Altona: Der Blick auf die Kräne und die Enge zwischen den Regalen
Es ist Sonntagabend, der 26. April 2026. Draußen färbt sich der Himmel über den Hafenkränen langsam in dieses matte Violett, das ich so liebe, wenn die Elbe das Licht noch ein bisschen länger festhält. In meiner Küche pfeift der Wasserkocher, und Blasius, mein schwarzer Kater, hat es sich bereits auf meiner zusammengerollten Matte bequem gemacht. Er starrt mich mit dieser unnachgiebigen Ruhe an, während ich mein Leinen-Heft aufschlage. Es ist jetzt etwa ein Jahr her, seit ich mit der Wirbelsäulentherapie begonnen habe, und heute Abend denke ich darüber nach, wie oft ich früher Ausreden gesucht habe, weil meine Wohnung in Altona einfach zu klein für ein „echtes“ Training schien.
Wenn man in einer 45-Quadratmeter-Wohnung lebt, in der jedes zweite Möbelstück eigentlich ein Bücherregal ist, lernt man, in Nischen zu denken. Mein Arbeitsalltag in der Buchhandlung in der Großen Elbstraße ist lang – vier Tage die Woche, neun Stunden stehen, Kisten auspacken, auf Leitern steigen. Mein unterer Rücken war 2022 an einem Punkt, an dem er sich anfühlte wie ein alter Buchrücken, dessen Leim spröde geworden ist. Physiotherapie half kurz, aber der Alltag fraß die Fortschritte immer wieder auf. Erst als ich anfing, den Platzmangel nicht mehr als Hindernis, sondern als Rahmen zu begreifen, änderte sich etwas.
Ich habe nachgemessen: Die freie Fläche zwischen meinem Küchentisch und dem Regal mit den Hanser-Neuerscheinungen beträgt exakt 1,52 Quadratmeter. Das ergibt sich aus einer Breite von 0,8 Metern und der Länge meiner Matte von 1,9 Metern. Mehr habe ich nicht. Aber wie ich durch Reichls Wirbelsäulentherapie gelernt habe: Mehr braucht es auch nicht.
Das Missverständnis mit dem Dehnen am Morgen
Früher dachte ich immer, ich müsste mich morgens erst einmal „lang machen“. Ich habe versucht, meine Zehen zu berühren, während der Kaffee durchlief, und dabei fast das Regal mit den Klassikern umgestoßen. Aber es fühlte sich nie richtig an. Es war ein Ziehen, das eher schmerzhaft als befreiend war. Ein bisschen wie ein Buch, das man nach Jahren im feuchten Keller zum ersten Mal wieder aufschlägt – die Seiten kleben, das Papier ist steif.
Einer der wichtigsten Punkte, die ich in den letzten Monaten verstanden habe, ist, dass statisches Dehnen direkt nach dem Aufstehen oft kontraproduktiv ist. Die Muskulatur ist noch kühl, die Gelenkschmiere noch nicht richtig verteilt. Wenn man dann mit Gewalt versucht, Weite zu schaffen, riskiert man kleine Verletzungen. Stattdessen setze ich jetzt auf isometrische Anspannung und sanfte Mobilisation. Ich dehne nicht gegen den Widerstand an, sondern ich aktiviere die Muskulatur, um die Wirbelsäule von innen heraus zu stützen. Das Verletzungsrisiko sinkt, und das Gefühl der Stabilität bleibt den ganzen Tag erhalten, selbst wenn ich mittags drei schwere Pakete mit Hardcover-Bildbänden ins Lager schleppen muss.
Es ist diese kleine Nuance: Nicht ziehen, sondern halten und bewegen. Das passt auch viel besser zu meinem Sonntagabend-Gefühl. Manchmal lese ich Romane mit älteren Erzählerinnen, die genau diese Art von innerer Festigkeit beschreiben – keine großen Gesten, sondern eine stille, unerschütterliche Präsenz.
Meine 10 Minuten auf 1,52 Quadratmetern
Mein Wecker klingelt um sieben. Blasius wartet meistens schon. Bevor ich überhaupt daran denke, den ersten Bestellschein des Tages zu sichten, schiebe ich den Küchentisch diese entscheidenden zehn Zentimeter zur Seite. Dann rolle ich die Matte aus. Mein tägliches morgendliches Investment beträgt genau 10 Minuten. Das ist ein Zeitrahmen, den selbst ich an Tagen schaffe, an denen die Elbstraße nach mir ruft, weil eine neue Lieferung vom Diogenes-Verlag angekündigt ist.
Die Routine besteht aus insgesamt 3 Übungen, die ich in einer festen Sequenz durchführe. Es geht um Mobilisation, Rotation und Elongation. Ich nenne sie meine „Überlebens-Trias“ für den Buchhandel.
- Die Mobilisation: Ich starte im Vierfüßlerstand. Hier spüre ich oft das erste Mal das kalte Linoleum der Küche an den Fußsohlen, wenn ich mich leicht nach hinten schiebe, während der Rest des Körpers durch die erste sanfte Bewegung langsam warm wird. Es ist ein Aufwecken der Wirbelgelenke, Wirbel für Wirbel.
- Die isometrische Rotation: Da ich kaum Platz habe, um die Arme weit auszubreiten, arbeite ich mit der Kraft der Körpermitte. Ich drehe mich nicht mit Schwung, sondern nutze den Widerstand meiner eigenen Muskeln. Das ist der Moment, in dem es oft passiert: Das leise, befreiende Knacken im unteren Rücken bei der zweiten Wiederholung, das mir signalisiert: Heute halte ich den Tag im Laden durch.
- Die vertikale Elongation: Hierbei nutze ich die Wand hinter meinem Regal. Ich mache mich nicht breit, sondern lang. Es geht um die vertikale Achse. In einer kleinen Wohnung ist der Weg nach oben der einzige, der immer frei ist.
Insgesamt komme ich so auf eine wöchentliche aktive Zeit von etwa 60 Minuten, wenn ich den Sonntag als Ruhetag einplane. Es ist erstaunlich, wie viel sich durch diese Beständigkeit verändert hat. Wenn ich mich an meine Woche 1 im März 2024 erinnere, war da so viel Skepsis. Ich dachte, ich bräuchte einen großen Übungsraum und Stunden an Zeit. Heute weiß ich, dass die Enge des Flurs mir hilft, mich auf meine Mitte zu konzentrieren.
Wenn die Routine bröckelt: Ein Dienstag im März
Ich möchte nicht lügen. Es gibt Tage, da klappt es nicht. Letzten Dienstag zum Beispiel. Der Regen peitschte gegen die Scheiben, Blasius hatte in der Nacht eine Vase mit Tulpen umgeworfen, und ich hatte eine Retourenliste vor mir, die länger war als die Warteschlange vor der Elphi. Ich bin direkt in die S-Bahn gesprungen, ohne auch nur eine Minute auf der Matte zu verbringen.
Das Ergebnis? Um 15 Uhr im Laden, während ich versuchte, für die Frau, die jeden Donnerstag nach diesem einen speziellen Doppelgänger-Band sucht, das oberste Regal zu erreichen, spürte ich es wieder. Dieses dumpfe Ziehen, das sich wie eine Drohung anfühlte. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass Übungen gegen Rückenschmerzen beim langen Stehen im Verkauf nur dann funktionieren, wenn man die Basis am Morgen legt. Wenn ich die 10 Minuten ausfallen lasse, zahle ich den Preis am Nachmittag an der Kasse.
An solchen Tagen merke ich, dass es nicht um Perfektion geht. Es geht um die Ehrlichkeit gegenüber dem eigenen Körper. Ein Text in einem Roman behauptet manchmal auch zu viel – er verspricht Erlösung auf der letzten Seite. Mein Rücken verspricht mir gar nichts, außer dass er mich trägt, wenn ich ihn nicht ignoriere.
Der Sonntagabend-Eintrag: Warum wir keine Weite brauchen
Während ich das hier in mein Heft schreibe, merke ich, wie sich mein Atem beruhigt. In der Buchhandlung benutzen wir oft eine alte Waagenwippe für die Auslage, um das Gewicht der Bücher auszubalancieren. Mein Rücken ist im Grunde diese Wippe. Wenn die Belastung im Laden zu groß wird, muss das Gegengewicht am Morgen stimmen.
Die Erkenntnis aus Reichls Wirbelsäulentherapie, die mich diesen Frühling am meisten begleitet hat, ist die, dass wir keine Weite im Außen brauchen, um Weite im Inneren zu finden. Meine 1,52 Quadratmeter zwischen Küchentisch und Bücherstapel sind mein Heiligtum. Dort gibt es keine Werbesprache, keine Allheilmittel-Versprechen und keine komplizierten Geräte. Nur mich, meine Wirbelsäule und gelegentlich einen schwarzen Kater, der versucht, meine isometrische Anspannung als Einladung zum Spielen zu verstehen.
Für alle, die auch in einer kleinen Wohnung in Hamburg oder sonst wo sitzen: Rollt die Matte trotzdem aus. Schiebt den Tisch weg. Fangt an, bevor der Wasserkocher pfeift. Es ist dieses leise Knacken, dieser erste warme Moment auf dem Linoleum, der den Unterschied macht zwischen einem Tag, den man nur übersteht, und einem Tag, den man aufrecht gestaltet. Manchmal hilft es auch zu verstehen, warum der untere Rücken bei Stress im Alltag ständig zieht, um den nötigen Respekt vor diesen zehn Minuten zu entwickeln.
Morgen ist Montag. Der Bücherwagen im Lager ist voll, und die neue Lieferung vom Hanser-Verlag wartet. Aber ich weiß jetzt, dass ich die ersten zehn Minuten des Tages mir gehöre – und meiner Wirbelsäule. Das Leinen-Heft klappe ich jetzt zu. Blasius schläft. Gute Nacht, Altona.