
Draußen peitscht der Regen gegen die Scheibe meiner Altonaer Wohnung, ein typischer Hamburger Gruß, der die Lichter der Elbfähren unten am Hafen fast verschwimmen lässt. Auf meinem Küchentisch liegt das leinenene Heft, dessen Einband sich unter meinen Fingern kühl und ein wenig rau anfühlt – ein schöner Kontrast zu der Wärme, die langsam in meine Beine zurückkehrt. Blasius, mein schwarzer Kater, hat es sich bereits auf der Matte bequem gemacht, die ich eigentlich gerade zwischen dem Bücherregal und dem Tisch ausrollen wollte. Er weiß genau, dass jetzt meine Zeit kommt, die Zeit, in der ich die Woche in der Buchhandlung aus den Knochen schüttele.
Neun Stunden auf den Beinen: Der Preis der Literatur
Seit neun Jahren bin ich nun Buchhändlerin in der Großen Elbstraße. Ich liebe diesen Laden, den Geruch von frischem Druck und die Gespräche über Romane mit starken, älteren Erzählerinnen. Aber mein unterer Rücken liebt die vier Tage pro Woche, an denen ich jeweils neun Stunden auf den Beinen stehe, deutlich weniger. Es ist ein dumpfes Ziehen, das meistens gegen Nachmittag beginnt, wenn ich zum zehnten Mal die rollende Leiter bestiegen habe, um einen Titel aus den oberen Regalen zu fischen, oder wenn die schweren Kartons mit den Neuerscheinungen vom Hanser-Verlag geliefert werden.
Lange Zeit dachte ich, ich müsste mich einfach nur ordentlich 'lang machen'. Ich erinnere mich an einen besonders regnerischen Dienstagabend im letzten November. Ich kam nach Hause, die Lendenwirbelsäule fühlte sich an wie ein fest gezurrter Knoten, und ich versuchte, mich einfach statisch nach vorne zu beugen, um die Spannung wegzudrücken. Es fühlte sich für zehn Sekunden gut an, aber danach war der Schmerz nur noch präsenter. Ich bin keine Physiotherapeutin und habe keine medizinische Ausbildung, aber als Buchhändlerin lernt man, zwischen den Zeilen zu lesen – auch bei seinem eigenen Körper.
Warum statisches Dehnen oft nicht die Lösung ist
In meinem Sonntagsheft habe ich über die Monate hinweg notiert, was wirklich hilft. Eine der wichtigsten Erkenntnisse war für mich, dass meine Rückenmuskulatur nach einem langen Tag im Einzelhandel nicht einfach nur 'kurz' ist, sondern vor allem erschöpft. Wenn ich dann mit roher Gewalt versuche, die Muskeln statisch in die Länge zu ziehen, reagiert mein Körper oft mit einer Art Schutzspannung. Es ist, als würde man an einem verknoteten Wollfaden reißen – der Knoten zieht sich nur noch fester zu.
Stattdessen habe ich durch die Wirbelsäulentherapie gelernt, dass dynamische Mobilisation viel sinnvoller ist. Es geht weniger darum, eine Position für Minuten zu halten, sondern die Wirbel sanft in Bewegung zu bringen. Ich nutze oft die Momente, in denen ich morgens meine zehn Minuten Zeit finde, bevor der Trubel losgeht. Manchmal klappt das wunderbar, manchmal schaffe ich es gar nicht, die Matte überhaupt anzusehen, weil die Kaffeemaschine wichtiger ist. Das gehört dazu.
Die Inventur im März und ein unerwarteter Moment
Ein echter Wendepunkt war die Inventur Mitte März. Wer schon mal im Buchhandel gearbeitet hat, weiß, was das bedeutet: Stundenlang vor den untersten Regalfächern hocken, Titel scannen, Stapel im Lager umschichten. Früher hätte ich danach drei Tage flachgelegen. Aber diesmal passierte etwas Seltsames. Mitten beim Zählen der Doppelgänger-Bände, die eine Stammkundin jeden Donnerstag sucht, merkte ich, dass mein Rücken nicht blockierte. Es fühlte sich flüssiger an, stabiler in der Mitte.
Ich hatte in den Wochen davor konsequent kleine Übungen eingebaut, die mehr auf die Ausrichtung der Wirbelsäule zielten als auf reines Dehnen. Wenn ich jetzt nach einer langen Samstagsschicht endlich in die Vorbeuge gehe, ist es kein Kampf mehr gegen den Schmerz. Es ist ein hörbares, sanftes Seufzen meiner Rückenmuskulatur, ein Loslassen, das sich bis in die Zehenspitzen ausbreitet. In solchen Momenten verstehe ich, wie das Phänomen Leben die Sicht auf körperliche Heilung grundlegend verändert, weg von der Reparatur-Mentalität hin zu einem echten Spüren.
Kleine Fluchten im Buchhandels-Alltag
Man muss nicht warten, bis man zu Hause ist. Ich habe mir angewöhnt, auch im Laden kleine Anker zu setzen:
- Die Waagenwippe der Auslage nutzen, um die Waden sanft zu dehnen, während ich auf den Bondrucker warte.
- Beim Einräumen der schweren Kartons bewusst in die Knie gehen und den unteren Rücken nicht rund machen, sondern die Kraft aus der Mitte holen.
- Kurzes Ausschütteln der Beine nach einem langen Beratungsgespräch an der Theke.
Es sind keine Wunderheilmittel, und ich würde jedem raten, bei ernsthaften Problemen einen Orthopäden aufzusuchen, bevor man mit irgendwelchen Übungen startet. Ich bin nur eine Buchhändlerin mit einem Kater und einem ziehenden Rücken, die irgendwann angefangen hat, genauer hinzuschauen. Falls du mehr über meine ersten Gehversuche wissen willst, kannst du in meinem Eintrag über Woche 1: Zwischen Altonaer Altbau-Staub und der Hoffnung auf ein schmerzfreies Kreuz nachlesen.
Ein Blick in die Zukunft
Es ist jetzt spät am Sonntagabend. Blasius hat mittlerweile meinen Platz auf dem Sofa beansprucht, und ich sitze noch einen Moment auf dem Boden, die Hand auf dem Einband meines Heftes. Die Wirbelsäulentherapie ist für mich kein Projekt, das man irgendwann 'fertig' hat. Es ist eher wie ein gutes Buch, das man immer wieder aufschlägt und in dem man jedes Mal eine neue Nuance entdeckt. Die Beständigkeit der zehn Minuten am Morgen, auch wenn sie manchmal ausfallen, hat mehr bewirkt als jede einzelne, stundenlange Sitzung früher.
Nächste Woche steht eine große Lieferung Bildbände an. Früher hätte ich davor Angst gehabt. Heute weiß ich, dass mein Rücken und ich ein Team sind. Wir dehnen nicht mehr gegen den Schmerz an, wir bewegen uns durch ihn hindurch. Und jetzt klappe ich das Heft zu, mache den Wasserkocher für einen letzten Tee aus und genieße die Stille über der Elbe.