Richtig heben bei Rückenschmerzen im Job als Buchhändlerin oder im Lager

Draußen peitscht der Regen gegen das Fenster meiner Altonaer Wohnung, ein typischer Hamburger Abend, der nach Tee und geschlossenen Vorhängen verlangt. Blasius, mein schwarzer Kater, hat sich bereits auf der Matte zusammengerollt, die eigentlich für meine Übungen reserviert ist. Ich sitze am Küchentisch, das Leinen-Heft vor mir, und massiere mir geistesabwesend die Stelle am Kreuzbein, die mich so lange gequält hat. Gestern war wieder so ein Tag in der Buchhandlung, an dem die Realität des Buchhändlerin-Seins weniger aus feinsinniger Literaturberatung und mehr aus purer Logistik bestand.

Es ist jetzt Mai 2026, und wenn ich in mein Heft zurückblättere, sehe ich die Notizen vom letzten November. Damals graute mir vor dem Weihnachtsgeschäft. 36 Stunden pro Woche, verteilt auf vier Tage, klingen auf dem Papier machbar, aber neun Stunden am Stück an der Theke, auf der Leiter oder über die Auslage gebeugt, fordern ihren Tribut. Besonders, wenn man wie ich seit 2022 dieses ziehende Gefühl im unteren Rücken mit sich herumschleppt, das einfach nicht verschwinden wollte, egal wie viele Massagen ich mir gegönnt habe.

Der Feind in der braunen Pappe

Wer den Job nicht kennt, unterschätzt das Gewicht. Ein Standard-Bücherkarton wiegt ca. 15-20 kg. Wenn die Palette vor der Tür in der Großen Elbstraße abgeladen wird, stehen da oft zwanzig dieser Ungetüme. In den ersten neun Jahren meiner Karriere habe ich sie einfach irgendwie gewuchtet. Schnell, effizient, meistens mit rundem Rücken und einer Drehung aus der Hüfte, die jeder Orthopäde mit einem Seufzen quittieren würde. Ein durchschnittliches Hardcover wiegt zwischen 500 und 800 Gramm – das klingt nach nichts, aber in der Summe wird daraus eine Belastung, die die Wirbelsäule langsam, aber stetig zermürbt.

Während des Weihnachtsgeschäfts letztes Jahr erreichte der Schmerz einen Punkt, an dem ich Angst hatte, mich überhaupt noch zu bücken. Ich erinnere mich an das kalte Metall der Rollleiter an meinen Handflächen und den Geruch von frischem Druckerschwärze-Papier beim Bücken in die untere Auslage – ein Moment, in dem ich kurz die Luft anhalten musste, weil der Stich so unerbittlich war. Damals dachte ich, das wäre eben der Preis für die Leidenschaft zum Buch.

Nicht starr werden, sondern fließen

Seit ich im März 2024 mit Reichls Wirbelsäulentherapie begonnen habe, hat sich mein Blick auf das Heben verändert. Früher hieß es immer: Rücken gerade, ab in die Knie, bloß nicht bewegen. Aber Reichl lehrt etwas anderes. Die Erkenntnis kam mir nicht über Nacht, sondern tröpfchenweise an Sonntagabenden wie diesem. Anstatt beim Heben starr auf den geraden Rücken zu achten, sollte man die Wirbelsäule bewusst in Bewegung bringen, da ein zu steifer Rumpf die Verletzungsgefahr sogar erhöht.

Das klingt paradox, oder? Man lernt jahrelang, sich wie ein Roboter zu bewegen, um die Bandscheiben zu schützen. Aber ein starrer Rücken ist ein spröder Rücken. In der Therapie habe ich gelernt, dass die Stabilität aus einer tiefen, elastischen Mitte kommt, nicht aus einer künstlichen Steifheit. Ich bin keine Physiotherapeutin und habe keine medizinische Ausbildung, aber ich spüre den Unterschied in meinen eigenen Knochen. Wenn ich heute einen Karton mit Lyrik-Bänden anhebe, fühlt sich das anders an. Es ist dieses neue, feste Gefühl im Kreuzbein, das sich anfühlt wie ein inneres Korsett, wenn ich die Knie beuge. Es ist keine Anspannung, sondern eine Bereitschaft.

Der Praxistest im April

Anfang April kam eine riesige Lieferung, die wir im Lager unterbringen mussten. Unsere Regale sind bis zu 2,20 Meter hoch, was bedeutet, dass man nicht nur schwer hebt, sondern auch über Kopf arbeitet oder sich ganz tief bücken muss. Früher hätte ich nach so einem Vormittag den Rest des Tages nur noch mit Wärmepflastern überstanden. Doch diesmal passierte etwas Seltsames. Ich aktivierte meine Mitte, so wie ich es sonntags auf meiner Matte übe, und ließ die Wirbelsäule während des Hebens minimal „atmen“, anstatt sie festzuzurren.

Kein Schmerzimpuls. Kein Ziehen am Abend. Ich stand an der Theke und fühlte mich fast… leicht. Es ist ein langer Weg von der Skepsis in Woche 1: Zwischen Altonaer Altbau-Staub und der Hoffnung auf ein schmerzfreies Kreuz bis zu diesem Moment der körperlichen Kompetenz. Es geht nicht darum, Übungen perfekt zu turnen. Es geht darum, das Wissen um die eigene Statik in den Moment zu bringen, in dem man den Karton vom Boden aufhebt.

Natürlich gibt es Wochen, in denen gar nichts passiert. Letzte Woche zum Beispiel war ich so müde, dass ich die Matte gar nicht erst ausgerollt habe. Ich habe einfach nur auf dem Sofa gelegen und einen Roman über eine alte Frau in den schottischen Highlands gelesen. Aber selbst da, beim Aufstehen, merke ich, dass die Zehn-Minuten-Routinen am Morgen Spuren hinterlassen haben. Wenn du selbst unter chronischen Schmerzen leidest, solltest du natürlich immer zuerst mit deinem Hausarzt oder Orthopäden sprechen, bevor du irgendetwas Neues ausprobierst. Ich erzähle hier nur, was zwischen meinen Bücherregalen und meinem Küchentisch passiert.

Was ich im Lager gelernt habe

Wenn mich heute jemand fragt, wie man richtig hebt, sage ich nicht mehr: „Halt den Rücken steif.“ Ich sage: „Bleib weich in der Bewegung und such die Kraft in deiner Mitte.“ Es ist ein Unterschied, ob man gegen sein Gewicht arbeitet oder mit ihm. Wer viel im Verkauf steht, kennt das Problem der einseitigen Belastung. Ich habe früher oft über Übungen gegen Rückenschmerzen beim langen Stehen im Verkauf und Alltag geschrieben, aber das Heben ist die Königsdisziplin.

Es ist jetzt fast Nacht in Altona. Der Wasserkocher pfeift leise in der Küche. Blasius hat ein Auge geöffnet und beobachtet, wie ich mein Heft zuklappe. Die körperliche Arbeit im Laden ist kein Feind mehr, vor dem ich mich fürchten muss. Sie ist eher wie ein Testgelände für das, was ich sonntags lerne. Die schwere Lyrik-Lieferung von letzter Woche steht bereits einsortiert im Regal, und mein Rücken? Der schweigt. Und das ist das schönste Geräze, das ich mir vorstellen kann.

Bitte beachten: Hier auf der Seite teile ich, was ich selbst durchgemacht habe -- kein medizinischer, finanzieller oder rechtlicher Ratschlag. Was bei mir funktioniert hat, muss bei dir nicht funktionieren. Sprich mit deinem Arzt, Steuerberater oder Anwalt, bevor du Entscheidungen triffst, die wirklich zählen.

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