Die richtige Sitzposition beim Lesen für einen entspannten Nacken und Rücken

Draußen über der Elbe verblasst das letzte Licht eines schwülen Maiabends, und hier am Küchentisch in Altona riecht es nach frischem Tee und dem Lederfett, mit dem ich gestern meine Arbeitsschuhe eingerieben habe. Blasius, mein schwarzer Kater, drückt seinen warmen Körper gegen meine Knöchel, während ich das kühle Leinen meines Notizhefts unter den Fingern spüre. Es ist Sonntagabend, die Zeit, in der ich die Woche ordne – und meinen Rücken.

Eigentlich sollte das Lesen mein Rückzugsort sein. Nach neun Stunden in der Buchhandlung an der Großen Elbstraße, nach dem Schleppen von Hanser-Neuerscheinungen und dem ewigen Sortieren der Taschenbuchwand, freue ich mich auf nichts mehr als auf ein Buch. Aber im letzten November, als die Abende dunkler wurden, merkte ich, dass meine Leidenschaft mich buchstäblich in die Knie zwang – oder besser gesagt: in den Nacken. Ich saß mit einem neuen Roman auf dem Sofa, versunken in die Geschichte einer älteren Frau in den schottischen Highlands, und spürte nach zwanzig Minuten nur noch dieses brennende Ziehen zwischen den Schulterblättern.

Warum 5 Kilogramm plötzlich 27 Kilogramm wiegen

Ich bin keine Physiotherapeutin und habe auch keine medizinische Ausbildung, aber als Buchhändlerin lernt man, Dinge genau nachzuschlagen. In einer ruhigen Stunde im Laden, zwischen zwei Bestellungen, habe ich mir die Anatomie der Halswirbelsäule genauer angesehen. Es ist erschreckend: Ein durchschnittlicher menschlicher Kopf wiegt etwa 5 Kilogramm. Das ist so viel wie ein dicker Bildband über die Geschichte Hamburgs und ein paar Taschenbücher obendrauf.

Solange wir aufrecht stehen, trägt unsere Wirbelsäule dieses Gewicht recht klaglos. Doch sobald wir den Kopf neigen – und das tun wir alle, wenn wir ein Buch im Schoß halten –, vervielfacht sich die Last. Bei einer Neigung von 60 Grad, was beim typischen „Sofa-Lesen“ fast der Standard ist, wirken plötzlich 27 Kilogramm auf den Nacken. Stell dir vor, du würdest den ganzen Abend drei schwere Wasserkisten an deinem Genick hängen haben. Kein Wunder, dass die Muskulatur irgendwann kapituliert.

Ich erinnerte mich an die Prinzipien aus Reichls Wirbelsäulentherapie, mit der ich im März 2024 begonnen hatte. Dort lernte ich, wie wichtig die Aufrichtung ist. Aber Theorie auf der Matte und Praxis mit einem 600-Seiten-Wälzer sind zwei verschiedene Welten. Ich merkte, dass ich meine Fortschritte, die ich morgens in zehn Minuten auf der Matte machte, abends auf dem Sofa innerhalb einer Stunde wieder zunichtemachte.

Die Suche nach der perfekten Haltung – ein bibliophiler Trugschluss

In der Buchhandlung treffe ich oft auf Kunden, die nach dem „einen“ ergonomischen Kissen suchen oder mich fragen, wie sie im Stehen lesen sollen. Ich habe diesen Winter viel experimentiert. Ich habe Kissen im unteren Rücken gestapelt, Buchstützen auf den Küchentisch gestellt und sogar versucht, auf dem Bauch zu liegen. Aber die wichtigste Erkenntnis kam nicht aus einem Fachbuch, sondern durch das Beobachten meines eigenen Körpers während der langen Schichten an der Kasse.

Das Problem ist meistens nicht die eine „falsche“ Position, sondern die Starrheit. Statisches Sitzen, egal wie „korrekt“ es aussieht, ist Gift für die Bandscheiben. Unser Körper ist für Mikrobewegungen gemacht. In der Buchhandlung bewege ich mich ständig – ein Schritt zur Seite, ein Griff ins Regal, ein kurzes Strecken. Aber beim Lesen erstarre ich zur Statue. Die Muskulatur wird schlechter durchblutet, verhärtet sich, und der untere Rücken beginnt zu ziehen.

Ich habe gelernt, dass es nicht darum geht, wie eine Eins am Tisch zu sitzen. Es geht darum, die Last der 27 Kilogramm zu reduzieren. Wenn ich heute lese, achte ich darauf, das Buch höher zu halten. Es klingt banal, aber wenn das Buch auf Augenhöhe wandert, passiert etwas Magisches: Ein plötzliches Nachlassen der Spannung im Nacken, als würde jemand einen schweren Rucksack von meinen Schultern heben. Die Wirbelsäule richtet sich fast hörbar auf.

Kleine Kniffe zwischen Bücherregal und Küchentisch

Mitte Februar, nach einer besonders langen Schicht, in der ich fast nur Remittenden bearbeitet habe, war mein Rücken so fest, dass ich dachte, ich könne mich nie wieder entspannt hinsetzen. In solchen Momenten hilft mir der Blick zurück auf das, was ich über Heilung gelernt habe. Es ist oft ein langsamer Prozess, wie ich auch in meinem Text darüber beschrieb, wie das Phänomen Leben die Sicht auf körperliche Heilung grundlegend verändert. Es geht weg vom „Reparieren“ hin zum „Zuhören“.

Hier sind ein paar Dinge, die für mich in meinem Altonaer Alltag funktionieren:

Manchmal, wenn ich ganz ehrlich bin, klappt das alles nicht. Es gab Wochen im März, da war der Stress im Laden so groß, dass ich mich einfach nur zusammengesunken in den Sessel geworfen habe. Dann rächt sich der Rücken am nächsten Morgen. Aber ich habe gelernt, dann nicht frustriert zu sein. Ich weiß ja jetzt, welche Übungen mir beim Langen Stehen im Verkauf helfen und wie ich mich wieder „einnorde“.

Ein kurzer Eintrag im Leinen-Heft

Jetzt, in diesen ersten warmen Maiwochen, sitze ich oft mit offenem Fenster da. Ich höre das ferne Tuten der Schiffe und das Flattern der Gardinen. Mein Nacken ist heute ruhig. Ich habe heute Abend nur fünfzehn Seiten gelesen, aber ich habe sie genossen, ohne dass mein Körper lautstark protestiert hat.

Natürlich ersetzt meine Erfahrung keinen Besuch beim Arzt. Wenn der Schmerz in die Arme ausstrahlt oder kribbelt, sollte man immer einen Orthopäden aufsuchen – das habe ich auch meiner Freundin gesagt, die neulich über Taubheitsgefühle klagte. Ich bin nur eine Buchhändlerin mit einer Matte zwischen Regal und Tisch, die versucht, ihre Leidenschaft für Geschichten ohne körperlichen Tribut zu genießen.

Blasius ist inzwischen auf meinen Schoß gesprungen. Er ist die beste Erinnerung daran, dass wir nicht dafür gemacht sind, stundenlang starr auszuharren. Er dehnt sich, rollt sich zusammen, streckt eine Pfote aus und findet immer wieder eine neue, bequeme Lage. Vielleicht sollten wir Leser uns mehr an den Katzen orientieren: Flexibel bleiben, sich räkeln und die Ergonomie nicht als starres Gesetz, sondern als fließende Bewegung begreifen.

Ich klappe mein Notizbuch zu. Morgen wartet die neue Lieferung vom Diogenes Verlag auf mich. Ich werde sie mit geradem Rücken entgegennehmen – und mich schon jetzt auf die halbe Stunde Lesezeit am Abend freuen, in der ich meinem Kopf erlaube, leicht zu sein.

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